Gesundheitsprophylaxe gegen Hüft- und Ellbogengelenkdysplasie / Teil 1

07.11.2014 10:35 | Für Hunde

 

Der Rassestandard als Gesundheitsprophylaxe gegen Hüft- und Ellbogengelenkdysplasie in der Hundezucht ? - Teil1


 

Wer einen Rassehund seinen besten vierbeinigen Freund nennt, der wird vermutlich bereits mit dem sogenannten "Rassestandard" konfrontiert worden sein, denn dem soll der nach diesem Zuchtziel gezüchtete Hund möglichst entsprechen.

Doch neben den Anforderungen, welche an das äußere Erscheinungsbild des Hundes einer bestimmten Rasse gestellt und durch den Standard festgelegt werden, gibt es aber auch das Ideal, welches von der Körperharmonie im Bezug auf die Relation der einzelnen Partien zueinander bestimmt wird. Hierbei gilt, dass die einzelnen Details der Bewertungskriterien sich zu einem perfekten Ganzen zusammenfinden, denn dies bestimmt die Harmonie der Proportionen.

Zur Körperrelation gehören auch die Winkelverhältnisse der Gelenke in den Gliedmassen, welche einerseits von deren Länge abhängig sind, aber andererseits in verschiedenen Rassestandards auch einem Schönheitsideal entsprechen – was nicht immer zum Wohl der Gesunderhaltung der Gelenke sein muss, denn der beste Winkel der Gelenke ergibt sich aus der Bewegungsfähigkeit des Hundes und der Effizienz seiner Funktion, dem Hund einerseits ein ungehindertes und freies Vorwärtsschreiten und -laufen zu ermöglichen und dabei andererseits auch die Gesunderhaltung durch geringe Verschleißanfälligkeit im Auge zu behalten.

Körperaufbau

Während das äußere Erscheinungsbild vor allem auch durch seinen Pflegezustand und die körperliche Kondition des Hundes bestimmt wird und durch Training und eine hochwertige Fütterung zum Positiven beeinflusst werden kann, gibt das Skelett als tragendes Gerüst seines Körperbaus leider keine Möglichkeit zur Veränderung oder Verbesserung. Obwohl natürlich auch ein nicht in allen Körperpartien vollkommen korrekter Hund durch sein äußeres Erscheinungsbild bestechen kann und garantiert nicht minder liebenswert ist, wie Mister oder Miss Perfekt, die mit Championatstiteln dekoriert vor ihren Pokalen posen, sieht der Experte natürlich durch den veränderlichen Mantel des Äußeren hindurch und beurteilt auch die knöcherne Grundlage des Hundes. Dabei sollte es, wie bereits schon erwähnt, nicht nur um ein Schönheitsideal gehen, sondern auch um die Gesundheit und die Gesunderhaltung unserer Fellherzen, weil ideal gewinkelte Gelenke der Gliedmassen weniger verschleißanfällig sind, als wenn sie einen zu steilen oder zu stumpfen Winkel bilden.

In der Zucht also auch darauf zu achten, dass der Hund nicht nur schön ist, sondern darüber hinaus auch über ein belastbares Knochengerüst verfügt, ist quasi eine Form der Gesundheitsvorsorge und so ist es auch sinnvoll, dass nicht jeder Rüde und jede Hündin zur Zucht zugelassen wird, wenn man unter der Obhut eines Hundezuchtverbandes züchtet und die Welpen Papiere von dieser Organisation erhalten. Selbstverständlich wäre keiner unserer Hunde mir weniger lieb, wenn es keine Ahnentafel für sie gäbe, aber auch wenn die nicht für ein langes gesundes Leben garantiert, gibt sie mir doch zumindest das Gefühl, dass sich die Hundeeltern einer Zuchtprüfung (Körung) unterzogen, bei welcher auch das Röntgenbild von der Hüfte und das Vorhandensein oder der Schweregrad einer beginnenden Hüftgelenkdysplasie (HD) Einfluss auf das Körurteil nimmt.

 

Hüftgelenkdysplasie


Vielfach geht man davon aus, dass besonders Schäferhunde mit ihrer dem Rassestandard entsprechenden, zur Rute hin stark abfallenden Rückenlinie und der damit verbundenen extremen Winkelung der Hinterbeine besonders anfällig für die Ausbildung einer Hüftgelenkdysplasie sind. Aber leider gibt es im Prinzip bei allen größeren Hunden eine Disposition zur Hüftgelenkdysplasie, wobei neben dem Schäferhund Rassen, wie der Rottweiler, der Boxer, der Golden Retriever, der Berner Sennenhund und der Labrador Retriever als besonders anfällig für diese Fehlentwicklung des Hüftgelenkes gelten.

Allerdings leiden die betroffenen Hunde nicht von Geburt an unter einer Hüftgelenk-Dysplasie. Auch wenn es sich bei der "lockeren Hüfte" vielfach um ein genetisches Problem handelt, zu dem die Anlage von den Eltern an die Welpen vererbt wird, entscheidet die Phase des Wachstums, ob sich eine HD ausbildet. Hierbei liegt der Kopf des Oberschenkels nicht ausreichend tief in der Hüftpfanne und bewegt sich somit stärker im Gelenk hin und her (Subluxation), als das bei normalen Hüftgelenken der Fall ist. Es kann sogar vorkommen, dass die Hüfte so locker ist, dass der Kopf des Oberschenkels sogar komplett aus der Hüftpfanne herausfällt (Luxation). Dies allein ist – auch wenn diese Vorgänge für die betroffenen Hunde sehr schmerzhaft sind – nur ein Problem, dem eine sekundäre Arthrose folgen kann, denn der Oberschenkelkopf reibt bei der Hüftgelenk-Dysplasie an dem Knorpel und dem Knochen der Gelenkpfanne, wodurch sich das Gelenk degenerativ verändert und frühzeitig verschleißt.

Die Symptome, wie

  • der instabile, "wackelige Gang"
  • plötzliches Aufschreien beim Spielen
  • häufiges Hinsetzen und Bewegungsunlust
  • das "Twisten" - beim Vorführen der Hinterbeine kippt der Hund das Becken in Richtung der Gliedmaße, die er nach vorne stellt
  • die Rückbildung der Hinterhandmuskulatur
  • die Schmerzhaftigkeit der das das Hüftgelenk umgebenden Muskeln
  • knackende, klickende oder knirschende Geräusche, wenn der Tierarzt das Hüftgelenk mit der Hand bewegt
  • sichtbares Unbehagen, wenn der Tierarzt das Hüftgelenk mit der Hand bewegt
  • vermehrte Steifigkeit und Mühe beim Aufstehen
  • sowie der Abbau des Gelenks durch fortschreitende degenerative Veränderungen und krankhafter Umbauprozesse (Coxarthrose)

verstärken sich mit zunehmendem Alter und damit werden auch die Schmerzen infolge der Coxarthrose größer, denn die Ausprägung klinischer Symptome einer HD variiert in Abhängigkeit vom Alter, respektive dem Stadium der Krankheit.

Bei relativ jungen Hunden (6 Monate bis ein Jahr) sind es die schmerzregistrierenden Nervenfasern der Knochenhaut des Pfannenrandes, welche reagieren und Schmerzen verursachen, weil sie durch die abnorme Beweglichkeit gereizt werden, nachdem der Kopf des Oberschenkelknochens in der Hüftgelenkspfanne (Acetabulum) nur ungenügenden Halt findet

Dass es also sinnvoll ist, möglichst nur mit HD-freien Hunden zu züchten, wird deutlich, weil man davon ausgehen muss, dass die HD zu großen Teilen genetisch bedingt ist: Die Heritabilität liegt zwischen 20 und 40 Prozent. Insofern fordern nicht nur viele Zuchtverbände die HD-Freiheit zur Zuchtzulassung, sondern auch viele Welpenkäufer legen Wert auf HD-freie Elterntiere, um das Risiko dieser Problematik zu minimieren.

Trotzdem ist nicht nur die genetische Disposition die Ursache für die Ausbildung einer HD – bei dieser Entwicklungsstörung handelt es sich um ein multifaktorielles (von vielen Faktoren abhängiges) Geschehen, bei dem auch Ernährungs-, Aufzucht- und Umweltprobleme die Ausprägung und das Fortschreiten der Krankheit begünstigen können.

 

Faktor Fütterung im Wachstum


In erster Linie kann der Welpenkäufer mit der richtigen Fütterung und Bewegung des Hundekindes in der Wachstumsphase eine gesunde Basis schaffen. Hierbei wird auch deutlich, warum gerade größere Hunde von HD betroffen sind: Im Gegensatz zu kleinen Hunden, die ihren Wachstumshöhepunkt mit zwei Monaten erreichen und mit 10 Monaten bereits als ausgewachsen gelten, brauchen große Hunde etwas mehr als ein halbes Jahr länger, um ihr endgültiges Stockmaß zu erreichen. Das liegt daran, dass sie im Verhältnis zu ihrem Endgewicht ein relativ niedriges Geburtsgewicht haben, denn ein Leonbergerwelpe, der ein zu erwartendes Endgewicht von 60 Kg hat, wiegt bei seiner Geburt durchschnittlich 500 bis 600 Gramm, also rund 1% seines Erwachsenengewichtes, während die Welpen kleiner Rassen bis zu 4% ihres Endgewichtes, schon bei ihrer Geburt erreicht haben. Das bedeutet, dass beispielsweise ein Dackelwelpe bei seiner Geburt schon 350 bis 400 Gramm wiegen kann, obwohl er im Erwachsenenalter höchstens 10 kg wiegen wird. Die zu überwindende Strecke zwischen Geburtsgewicht und Erwachsenengewicht ist also deutlich geringer und nicht nur früher abgeschlossen, sondern auch weniger intensiv.

Vielfach glauben jedoch die Besitzer von Welpen großer Hunderassen, dass der Hund an Endgröße gewinnen kann, wenn er bereits als Welpe zügig wächst und beispielsweise mit vier Monaten seine Wurfgeschwister schon deutlich überragt – leider ist dies nicht der Fall, denn die Endgröße ist genetisch vorgegeben und wenn ein großer Hund das Erwachsenenmaß früher erreicht, als mit 15 Monaten, bedeutet das nicht, dass er nun trotzdem weiter wächst, bis er 15 Monate alt ist. Das Wachstum mit zuviel Energie und zuviel Futter zu beschleunigen, birgt nur gesundheitliche Nachteile für den Hund. Einer davon äußert sich in Lahmheiten, wenn die Knochen zu schnell wachsen und sich dadurch die Gelenkfugen entzünden, was zu irreparablen Schäden am Bewegungsapparat führen kann.

Ein harmonische Wachstum des heranwachsenden großen Hundes sichert vor allem eine moderate Energiezufuhr und ein auf die Bedürfnis von großen Hunden im Wachstum abgestimmter Proteingehalt. Darum wird speziell bei Hunden, die besonders groß werden, ab der 16. Lebenswoche davon abgeraten, eine fett- und proteinreiche Welpennahrung anzubieten und statt dessen ein Erwachsenenfutter zu wählen, das weniger Proteine und Fette enthält und somit ein langsames und gleichmäßiges Wachstum bewirkt.

Ein weiteres Problem kann ein Übermaß an Ergänzungsfuttermitteln sein, die reich an Vitamin C-, Vitamin D- oder Kalzium-Zusätzen sind, denn auch wenn Vitamine und Mineralien wie Kalzium durchaus wichtige Nährstoffe sind, respektive Kalzium sogar für den Aufbau und die Härtung der Zähne und Knochen gebraucht wird, ist das Verhältnis von Kalzium zu Phosphor über die Wirkung entscheidend:

  • Beim ausgewachsenen Hund sollte das Futter 1,0 - 1,2 g Calcium : 0,8-1,0 g Phosphor in 100g Trockenfutter enthalten.
  • Beim Welpen ergibt sich aufgrund des schnelleren Umsatzes ein höherer Bedarf von Calcium gegenüber Phosphor, daher sollte auf das Verhältnis von 1,2- 1,6 : 1 in der Welpennahrung geachtet werden.

Überdies kann eine längerfristige Unterversorgung mit Calcium (bei ausschließlicher Ernährung mit Fleisch, Getreide und Innereien) während des Wachstums zu Lahmheit und Bewegungsunlust bis hin zu irreversiblen Skelettveränderungen (z.B. Hüftgelenksdysplasie, Ellenbogendysplasie, Probleme der Wirbelsäule) führen.

Allerdings können eben unkontrolliert der Nahrung zugeführte Futterzusätze auch zu einem Ungleichgewicht des Kalzium-Phosphor-Verhältnisses und zu einem Mineralstoffüberschuss führen, der wiederum eine Gliedmaßenverkrümmung begünstigen kann und dafür sorgt, dass gerade Beine während des Wachstums krumm werden und sich die Pfoten nach außen drehen.

Ziel der optimalen Welpenfütterung von großen Hunden darf es also nicht sein, die maximale Wachstumsrate zu erreichen, sondern eine gleichmäßige undstörungsfreie Entwicklung aller beim Wachstumsprozess beteiligten Gewebearten zu sichern. Das ist nur möglich, wenn der große Hund während der gesamten Wachstumsphase durch eine Nahrung unterstützt wird, die neben einem geeigneten Verhältnis des Protein-/Energiegehalts, welches eine harmonische Skelettbildung sichern kann, auch eine ausgewogene Zufuhr von Kalzium und Phosphor für einen gesunden Knochen- und Muskelaufbau beinhaltet.

 

Faktor Bewegung im Wachstum


Neben der Fütterung spielt auch die Bewegung des Welpen im Wachstum eine wichtige Rolle bei der gesunden Skelettentwicklung, denn eine zu starke Belastung – im schlimmsten Fall auch noch einhergehend mit zu lockeren Bändern, die die das Hüftgelenk umgeben – kann eine HD begünstigen. Als Faustregel gilt: 5 Minuten Spaziergang pro Lebensmonat des Welpen – das bedeutet: Ein vier Monate altes Hundekind sollte nicht länger als höchstens 20 Minuten spazieren geführt werden. Auch übermäßiges Toben und Spielen mit anderen Hunden kann fatale Auswirkungen bei der Entwicklung der Knochen des Hundes haben. Dazu kommt, dass der Welpe keine Treppen steigen und nicht springen sollte, denn dabei werden die Gelenke belastet und das Hüftgelenk gestaucht und überdehnt – Herrchen oder Frauchen müssen den Hund in den ersten Lebensmonaten wohl oder übel tragen. Wichtig ist auch, dass der junge Hund seine natürlichen Ruhephasen einhält und sich nicht überfordert.

Einen ersten Hinweis darauf, ob ein Hund eine HD entwickelt kann zum einen schon eine Palpation geben, denn bereits über die Belastung einzelner Gelenke können unklare Lahmheiten der Hintergliedmaße beim Vorliegen einer HD oft rasch dem Hüftgelenk zugeordnet werden. Um eine Aussage über die Gelenksstabilität treffen zu können, gibt es spezielle Tests zur Bewertung der Schwere einer Hüftgelenkdysplasie:

  • Der Ortolani-Test

Er wird am häufigsten zur Diagnose verwendet, sollte jedoch aufgrund der Schmerzhaftigkeit für den Hund möglichst in Narkose durchgeführt werden. Beim  Ortolani-Test wird der Oberschenkel beim auf der gesunden Seite liegenden Tier im rechten Winkel zur Wirbelsäule gelagert. Anschließend schiebt der Tierarzt mit seiner, auf dem Kniegelenk aufgelegten Hand unter starkem Druck den Oberschenkelknochen in Richtung Wirbelsäule. Ist das Hüftgelenk in verstärktem Maß instabil, kommt es durch diesen Test zu einer Luxation (der Kopf des Oberschenkels fällt aus der Hüftpfanne heraus) oder Subluxation (der Kopf des Oberschenkels bewegt sich deutlich stärker im Gelenk hin und her als das bei normalen Hüftgelenken der Fall ist). Beim Wegführen des Oberschenkels von der Körperachse, gleitet der Oberschenkelkopf mit einem Klickgeräusch (Ortolani-Klick) in die Gelenkspfanne zurück.
 

Besteht der Verdacht auf eine Hüftgelenk-Dysplasie (HD) beim Hund, wird eine Röntgen-Untersuchung die sicherste Diagnose ergeben.

Allerdings setzt auch das Röntgen der Hüfte eine Kurznarkose voraus, weil die Gelenke überstreckt werden, was beim Vorliegen einer HD starke Schmerzen verursacht. Dazu kommt, dass die exakte Positionierung des Hundes in Rückenlage mit gestreckten, parallel gelagerten Oberschenkeln und rechtwinklig zum Strahlengang eingedrehten Kniescheiben von großer Wichtigkeit für die Aussagekraft des Röntgenbildes ist – der Hund sollte sich also während der Aufnahme nicht bewegen. Oft werden zusätzliche Röntgenbilder angefertigt, welche die Diagnosemöglichkeit zusätzlich verbessern. Hierzu werden Aufnahmen in "Froschhaltung" der Oberschenkel oder im seitlichen (latero-lateralen) Strahlengang angefertigt.

Für die Auswertung der Röntgenaufnahmen wird primär der Norberg-Winkel betrachtet. Er wird mit Hilfe einer Schablone bestimmt: Der erste Anhaltspunkt ist die Verbindungslinie, die zwischen den Mittelpunkten beider Oberschenkelköpfe gezogen wird. Anschließend wird der Winkel bestimmt, den diese Verbindung zu einer weiteren Linie am vorderen Pfannenrand einnimmt.

Bei einem gesunden, HD-freien Hund sollte er mehr als 105° betragen.

Überdies kann zur Bestimmung der HD-Freiheit oder des Grades einer vorhandenen HD die Kongruenz von Oberschenkelkopf und Gelenkpfanne herangezogen werden. Auch die Weite des Gelenkspaltes, die Pfannenkontur und die Kontur des Oberschenkelkopfes (die Gelenkpfanne ist abgeflacht, sie umgreift den Kopf des Oberschenkel-Kopfs nicht mehr) geben Aufschluss über eventuelle Abweichungen von der gesunden Norm der Hüftgelenke. Überdies können die Röntgenbilder auch Hinweise auf das Vorhandensein von arthrotischen Prozessen liefern. Zu ihnen gehören: walzenförmige Verdickungen am Übergang des Oberschenkel-Kopfs zum Oberschenkel-Hals, Randwülste an der Gelenkpfanne und unter dem Knorpel befindliche Verdichtungen der Knochensubstanz im Pfannenbereich. Im Zusammenhang mit der sogenannten Morgan-Linie, die als sensitiver Frühmarker für eine Instabilität im Hüftgelenk gilt, stehen die Anlagerung von Knochenmaterial (Osteophyt) am Ansatz der Gelenkkapsel.

Wer aber nun Wert darauf legt, dass das Ergebnis, das sich aus der Auswertung der Röntgenbilder ergibt, auch in den VDH-Papieren des Hundes eingetragen wird, sodass es für eine eventuelle Körung relevant wird, muss die HD-Röntgenaufnahmen durch den Tierarzt an einen von den Rassezuchtverbänden zugelassenen Gutachter schicken lassen, damit dieser die züchterische Auswertung der Bilder vornimmt

Unterteilt werden die Ergebnisse nach der F.C.I. (Fédération Cynologique Internationale).  indie HD-Klassifizierung der Schweregrade (die Angaben in Prozent beziehen sich auf eine Untersuchung von 3749 Hunden in den Jahren 1991–1994 in der Schweiz und geben die Verteilung der Hunde auf die verschiedenen HD-Grade an):

HD-Tabelle

Bisweilen werden die Grade A-D noch in A1 und A2, B1 und B2, C1 und C2 sowie D1 und D2 aufgeteilt.

Eine sogenannte C-Hüfte führt in den meisten Hundezuchtorganisationen zum Zuchtausschluss.

 

Behandlung und Prognose


Eine komplette Heilung der Hüftgelenkdysplasie (HD) beim Hund ist derzeit nicht möglich und es gibt keine Therapie, die ganz vermeiden kann, dass durch die HD wieder eine Arthrose (Gelenkverschleiß) entsteht. Insofern wird vor allem das Auftreten klinischer Symptome und das Fortschreiten der Krankheit hinausgezögert und/ oder die Schmerzen reduziert, sodass der Hund auch mit einer fortgeschrittenen Hüftgelenk-Dysplasie beschwerdefrei oder zumindest beschwerdearm ist.

Die Behandlung und deren Erfolg ist abhängig vom Alter und dem Gewicht des Hundes, der Ausprägung der Problematik und der Stärke der Beschwerden des Patienten.

Zunächst gilt jedoch, dass der Hund möglichst keine Bewegungsabläufe ausführen muss, welche den Verschleiß des Hüftgelenks begünstigen – hierzu gehören vor allem das Treppensteigen und das Springen auf harten Untergründen, welches die Gelenke staucht.

 

Weitere  konservative Behandlungen sind:

  • die "multimodalen Schmerztherapie" mit entzündungshemmenden und schmerzstillenden Medikamenten (Antiphlogistika), die sich zum Ziel setzt, die Beweglichkeit des Hundes zu erhalten, um einem Muskelabbau des Hundes und der eingeschränkten Beweglichkeit der Gelenke entgegen zu wirken, indem man dem Hund Nicht-Steroidale-Antiphlogistika (NSAID), wie beispielsweise Carprofen, Meloxicam oder Firocoxib verabreicht, die schmerzstillend und entzündungshemmend wirken
  • Unterstützend wird bei übergewichtigen Hunden eine Gewichtsreduktion angeraten, um die Gelenke zu entlasten
  • Begleitend kann auch eine Physiotherapie sinnvoll sein – sie bietet eine gute Möglichkeit, um die Muskulatur des Hundes zu stärken
  • Ebenfalls als hilfreich gelten Futter-Ergänzungsmittel, wie Omega-3-Fettsäuren, Glycosamino-Glykane oder Extrakte aus den Grünlipp-Muscheln – sie sollen die Gelenkheilung fördern

Zu den alternativen Behandlungsmethoden bei der Hüftgelenk-Dysplasie beim Hund gehören:

  • die Neuraltherapie – hierbei betäubt der Tierarzt die schmerzenden Stellen örtlich (Lokalanästhesie). Die Schmerzfreiheit soll länger anhalten als die Wirkung von Schmerzmitteln
  • die Goldimplantation - hierbei verpflanzt der Tierarzt unter Narkose kleine Goldpartikel an bestimmte Akupunktur-Punkte (Goldakupunktur), die dann anschließen in der Muskulatur verbleiben
  • Stammzellentherapie – hierbei sollen die Knorpel wieder aufgebaut werden, wodurch eine Schmerzreduktion herbeigeführt wird

 

Zu den operativen Behandlungen der Hüftgelenkdysplasie gehören:

  • PIN-Methode (Pectineus-Myoektomie) - hierbei wird der Pectineus-Muskel, der das Hüftgelenk beugt, durchtrennt oder entfernt, wodurch der Schluss des Hüftgelenkes sich verbessert. Überdies wird zur Unterbindung der schmerzleitenden Nervenfasern der Gelenkkapselrand umschnitten. Diese Schmerztherapie gilt als besonders effektiv, weil ihre Wirkung mehrere Jahre anhalten kann.
  • Kapselraffung – diese Operation, bei der die Gelenkkapsel chirurgisch gestrafft wird, ist nur bei jungen Tieren sinnvoll, bei denen noch keine deutlichen Abnutzungserscheinungen aufgetreten sind - sie verhindert die Subluxationen und damit ein Fortschreiten der Erkrankung
  • Umstellung der Gelenkpfanne (Acetabulum) – ebenfalls eine Methode, die nur bei jungen Hunden sinnvoll ist
  • Triple pelvic osteotomie (TPO) – bei der Osteotomie des Beckens wird die Gelenkpfanne aus ihrer ursprünglichen Lage so versetzt, dass sie den Oberschenkelkopf besser umfasst. Bei dieser Methode durchtrennt der Tierarzt alle drei Beckenknochen (Darmbein, Sitzbein und Schambein), kippt das Becken etwas zur Seite und fügt die Knochen des Beckens fügt sie durch Osteosynthese neu zusammen. Diese umfassende Operation hat das Ziel, dass der Oberschenkelkopf wieder besser zur Hüftgelenkspfanne steht und soll bei jungen Hunden verhindern, dass die schmerzhaften Veränderungen der Hüftgelenkdysplasie überhaupt entstehen. Allerdings ist sie sehr aufwändig und nur ratsam, wenn bei jungen Hunden noch keine sichtbaren Veränderungen an der Gestalt des Femurkopfs im Sinne einer beginnenden Arthrose bestehen.
  • Künstliches Hüftgelenk (Gelenkersatz, Totale Endoprothese, TEP) – diese Methode kann auch älteren Hunden helfen, denn sie führt im Regelfall zur Beschwerdefreiheit bis ins hohe Alter. Allerdings ist sie auch sehr kostenaufwändig, denn der Tierarzt ersetzt das gesamte Hüftgelenk durch ein künstliches Gelenk. Wichtig ist der anschließende Muskelaufbau durch gelenksentlastende Bewegung, wie Schwimmen
  • Femur-Kopf-Hals-Resektion - der Tierarzt entfernt dabei den Oberschenkelkopf (Caput ossis femoris) des Hundes, worauf das Bindegewebe eine Verbindung zwischen dem Becken und dem Oberschenkel entwickelt. Diese Methode wird eher für kleinere, leichtere Hunde empfohlen.

Gelenkprophylaxe

 

Ellbogengelenkdysplasie


Allerdings rückt neben der Hüftgelenkdysplasie immer mehr auch die Ellbogengelenkdysplasie in den Vordergrund der röntgenologischen Betrachtung von Hunden, die zur Zucht eingesetzt werden sollen.

An der Bildung des Ellbogengelenkes sind drei Knochen beteiligt:

  • der Oberarmknochen (Humerus)
  • die Elle (Ulna)
  • die Speiche (Radius)

Die Gelenkflächen dieser Knochen müssen nicht nur exakt zusammenpassen, um einen reibungsfreien Verlauf der Bewegung zu garantieren, sondern überdies auch noch mit einer intakten Knorpelschicht bedeckt sein.

Von einer Ellbogengelenkdysplasie spricht man, wenn es zur Bildung einer Stufe im Gelenk kommt und/ oder der Knorpel auf andere Weise geschädigt wird. Die Folge ist eine Gelenkentzündung und langfristig die Bildung einer Arthrose, die dazu führt, dass die Hunde Schmerzen haben und lahmen.

Die Ursachen zur Fehlbildung des Ellbogengelenks führen sind nicht vollständig geklärt und überdies können sie auch vielfältig sein. Man muss jedoch davon ausgehen, dass die Veranlagung zu einer Stufenbildung im Ellbogengelenk auch erblich ist. Zwar sind bislang der genau Erbgang, genau wie die beteiligten Gene nicht bekannt, aber sicher ist, dass die ED polygenetisch (über mehrere Gene) vererbt wird. Aufgrund des fehlenden Hintergrundwissens ist derzeit kein Gentest für die Erkrankung existent. Der Nachweis kann daher bislang nur über die tierärztliche Beurteilung des einzelnen betroffenen Hundes erfolgen, wobei der Grad der Vererbbarkeit (Heritabilität) für Rüden größer als für Hündinnen ist und je nach Rasse und Population mit Werten zwischen 0,1 und 0,7 angegeben wird.

Der chronisch verlaufende Krankheitskomplex  des Ellbogengelenks kommt vor allem bei groß- und schnellwüchsigen Hunderassen vor und beginnt in der späten Wachstumsphase bei vier bis acht Monate alten Jungtieren mit einer schmerzhaften Veränderung des Gelenks und der gelenkbildenden Knochenteile (Osteoarthrose). Meist wird zunächst jedoch keine auffallende Lahmheit festgestellt und viele ED-Befunde treten eher "zufällig" oder im Rahmen einer Untersuchung für die Zuchtzulassung (Körung) zutage. Wenn der Bewegungsumfang des Ellbogengelenks eingeschränkt ist, eine Steifigkeit nach langem Liegen am Morgen oder nach Ruhepausen festgestellt wird und der Hund zu lahmen beginnt, hat er nicht selten schon ein Alter von 10 bis 14 Monaten erreicht und die in der Folge der ED gebildeten Arthrosen sind entsprechend weit fortgeschritten.

Besonders häufig betroffen sind der Deutsche Schäferhund, der Labrador Retriever, der Chow-Chow, der Berner Sennenhund, der Große Schweizer Sennenhund, die Bordeaux Dogge, der Rottweiler, der Neufundländer, wobei die Häufigkeit des Auftretens (Prävalenz) bei einigen Rassen über 40 % beträgt.

Neben der Erblichkeit dieser Entwicklungsstörung des wachsenden Skeletts des Hundes gehören auch folgende Problematiken zu den begünstigenden (prädisponierenden) Faktoren:

  • ein hohes Körpermassewachstum und Fütterungsfehler

Wenn große Hunde aufgrund von sehr fett- und proteinhaltiger Welpennahrung zu schnell wachsen, respektive in der Wachstumsphase zu rasch ein hohes Maß an Körpermasse erreichen, weil sie zu energiereich ernährt werden, führt das zu Wachstumsimbalancen zwischen Knochen und zwischen Knochen und Knorpel sowie zwischen Muskeln und Knochen. Die wiederum begünstigen nicht nur die Hüftgelenkdysplasie, sondern auch die Ausbildung der Ellbogengelenkdysplasie. Insofern sind vor allem großwüchsige Hunde mit eher kompakter Körperform von der ED betroffen, während tendenziell muskulösere, weniger zur Adipositas neigende Hunde seltener an Ellbogendysplasie erkranken. Den Welpen mit moderatem Protein- und Fettgehalt im Futter zu ernähren, gehört also zu den Vorbeugemaßnahmen, mit denen das Risiko für den Hund, eine Ellbogengelenkdysplasie auszubilden geringer werden kann – zwar gibt es keine Garantie, dass ein optimal ernährter Welpe aus ED-freien Eltern keine Ellbogengelenkdysplasie ausbilden wird. Genauso kann es sein, dass ein suboptimal ernährter Hund aus einem Wurf von Eltern mit ED, keine Ellbogengelenkdysplasie bekommt. Wer jedoch bei schnellwüchsigen Welpen mit einem höheren zu erwartenden Endgewicht und stattlicher Größe ab dem vierten Lebensmonat die Ernährung auf ein weniger energiehaltiges Futter umstellt und bei einer Vollnahrung auf Kalzium- und vitaminreiche Futterergänzer verzichtet, die das Verhältnis der Mineralstoffe zueinander ungünstig verschieben und für Überschüsse sorgen, senkt zumindest das Risiko der ED. Gesundheitsprophylaxe bedeutet: Ein schnelles Wachstum zu vermeiden, denn der Hund erreicht seine genetische Größe in jedem Fall – auch wenn er mit vier Monaten noch kleiner ist, als seine, vielleicht mit " hochwertigem Welpenfutter" aufgezogenen Wurfgeschwister, die früh ihr endgültiges Körpermaß erreichen.

 

  • Starke Überbelastung in der Wachstumsphase

Zu lange Spaziergänge, Fahrradfahren oder übermäßiges Treppensteigen, Toben und Spielen mit anderen Hunden und das Springen auf harten Boden können dem genetisch vorbelasteten Hund zusätzlich schaden. Als Faustregel gilt: Pro Lebensmonat 5 Minuten Spaziergang, was bedeutet, dass ein vier Monate alter Welpe nicht länger als 20 Minuten "Gassi geführt" werden sollte, denn die ständige Überbeanspruchung des Bewegungsapparates kann Skeletterkrankungen verschlimmern oder auslösen und wird auch als Faktor bei der Entstehung von Ellbogenerkrankungen diskutiert.

Zeigt der Vierbeiner eine gemischte Lahmheit und sonderbare Auswärtsstellung der Vorderpfoten und nennen Sie ihn deshalb gerne "Charlie Chaplin", liegt der Verdacht einer Ellenbogengelenk-Dysplasie (ED) nahe.


Auffallend ist zunächst meist ein extremes Ausdrehen der Pfoten beim jungen Hund (er steht auf seinen Füßen wie Charlie Chaplin). Dazu kommt Bewegungsunlust. Vielfach wird zunächst keine Lahmheit festgestellt, aber beim passiven Beugen und Strecken des Ellbogengelenkes werden Schmerzen hervorgerufen. Beginnt der Hund mit zunehmender Belastungsdauer zu lahmen, hat sich zur Ellbogengelenkdysplasie meist auch schon eine Arthrose (Cubitalarthrose) ausgebildet.

Wie bereits beschrieben, entsteht die Ellbogengelenkdysplasie, wenn die gelenkbildenden Knochenteile Oberarmknochen (Humerus), Elle (Ulna) und Speiche (Radius) nicht exakt genug zueinander passen – dadurch kommt es zu chronischen Umbauvorgängen am Ellbogengelenk und den gelenkbildenden Knochenteilen (Osteoarthrose). Im weiteren führt die ungenaue Passform oder Inkongruenz (aufgrund der mangelnden Kongruenz können sich eine Stufe zwischen Speiche und Elle und ein ungleichmäßig breiter Gelenkspalt darstellen) zu einer Sklerosierung der Knochen und zur Ausbildung von Knochenauswüchsen (Osteophyten)

Hüft- und Ellbogengelenkdysplasie

 

Als typische Manifestationsstellen der Ellbogengelengsdysplasie gelten:

  1. Stufenbildung zwischen Elle (Ulna) und Speiche (Radius)
  2. Isolierter Processus anconaeus (IPA, Ablösung des Ellenbogenfortsatzes der Elle)
  3. Fragmentierter Processus coronoideus medialis (FCP, Ablösung des innen liegenden Kronfortsatzes der Elle)
  4. Osteochondrosis dissecans des medialen Condylus am Condylus medialis humeri (OCD, Knorpelablösung am innen liegenden Rollhöcker des Oberarmknochens)

 

 

 

Insofern wird bei der Ellbogendysplasie zwischen verschiedenen Erscheinungsformen unterschieden:


  • einem fragmentierten Processus coronoideus medialisulnae (FCP oder FPC) oder auch gebrochener Kronenfortsatz genannt.

Beim Processus coronoideus medialis ulnae handelt es sich um den inneren Kronfortsatz der Elle, welcher bei Hunden großwüchsiger Rassen erst im Alter von vier bis fünf Monaten verknöchert, weshalb die Erkrankung auch frühestens im Alter von fünf bis sieben Monaten auftritt. Als Ursache gelten:

  • eine Wachstumsverzögerung der Speiche mit Verkürzung derselben (short-radius-syndrome – die Elle steht etwas über), die zu einer verstärkten Belastung der Elle führt, wodurch es in der Spitze des Kronfortsatzes (Processus coronoideus medialis) zur Knochenverdichtung (Sklerosierung), Deformation und schließlich zur Ablösung von Knorpel- und Knochenfragmenten kommt.
  • der verfrühte Verschluss der Epiphysenfuge des Radiuskopfes (die Aussparung für den Oberarm ist zu eng)
  • eine mechanisch induzierte Sklerose des Knochens im Bereich des Kronfortsatzes durch die es zu einer gestörten Feindurchblutung (Mikrovaskularisation) kommt

Vielfach sind die betroffenen Hunde über Jahre vollkommen symptomfrei und die Veränderungen am Ellbogengelenk fallen erst beim Röntgen für die Zuchtzulassung (mit frühestens zwei Jahren gegen Ende des Wachstums) auf. Allerdings kommt es ebenso häufig vor, dass die betroffenen Hunde schon in frühem Alter eine schwere Lahmheit, die vor allem nach längerer Ruhe oder stärkerer Belastung auftritt und eine starke Arthrose des Gelenkes entwickelt haben.

Ein typisches Symptom ist eine Gelenkabduktion, d.h. ein nach außen gedrehter Ellbogen. Bei der klinischen Untersuchung zeigt sich eine Schmerzhaftigkeit bei starker Beugung und Streckung des Gelenks. Auf der Röntgenaufnahme fallen primär die Verschattungen im Bereich der Elle, der Verlust der Knochenbälkchenzeichnung, eine undeutliche vordere Kontur im latero-lateralen Strahlengang (seitliche Projektion) auf. Gegebenenfalls ist die Frakturlinie des Kronfortsatzes sichtbar - ein vollständiger Abriss des Processus coronoideus ist eher selten. Sind mit dem FCP bereits Arthrosen verbunden, zeigen sie sich in den schwersten Formen in Lippenbildungen der angrenzenden Knochenkonturen. Knochenwucherungen treten vor allem am innen liegenden (medialen) Rand der Elle und des Oberarmknochens auf. Allerdings sollte bei der röntgenologisch festgestellten Diagnose des FCP beachtet werden, dass sie nie ganz sicher ist und insofern sollte zur Untermauerung des Befundes eine Computertomografie oder eine Arthroskopie (Gelenkspiegelung) angestrebt werden.

Bei der Behandlung des FCP ist die Entscheidung für ein chirurgisches oder konservatives Vorgehen am schwierigsten, weil sich viele der betroffenen Hunde trotz FCP und sogar trotz relativ deutlichen Veränderungen in den Röntgenaufnahmen sehr gut und schmerzfrei bewegen können. Insofern gilt es sorgfältig abzuwägen, ob eine Operation bei einem Hund, der nur hin und wieder Lahmheitsphasen zeigt oder nur nach dem Aufstehen ein paar Schritte lahmt, wirklich notwendig ist, denn der Hund wird nach dem chirurgischen Eingriff, der nie vollkommen risikolos ist, nicht besser laufen – es besteht im Gegenteil sogar die Gefahr einer Verschlechterung der Beweglichkeit und die Arthrose wird sich trotzdem nicht abwenden lassen. Kommt es hingegen zu einer deutlichen Verschlechterung des Gangbildes und zu erheblichen Schmerzen für den Hund, sollte eine Operation angestrebt werden. Sie kann in der Regel minimalinversiv über eine Gelenkspiegelung (Arthroskopie) durchgeführt werden. Dabei werden der geschädigte Gelenkfortsatz und eventuell auch freiliegende Knochenfragmente entfernt, wodurch die Gelenkfläche zwar nicht wieder hergestellt werden kann, aber die Entzündung und damit die Reizung des Gelenkes sowie die Reibung zwischen den Knochen wird geringer – dadurch können die Schmerzen deutlich reduziert und das Gangbild verbessert werden.

 

  • einem "isolierten Processus Anconaeus" (IPA)

Beim Processus anconaeus (PA) – dem selbstständigen (isolierten) Ellenbogenfortsatz der Elle - handelt es sich um einen Knochenvorsprung der Elle, dessen Wachstumsfuge im Alter von 16 bis 24 Wochen geschlossen sein sollte, was bedeutet, dass der Processus anconaeus ein eigenes Ossifikationszentrum besitzt, welches spätestens mit fünf Monaten mit der Elle verschmolzen sein sollte. Wenn jedoch eine erblich bedingte Störung der Bildung von Knochengewebe im Wachstum (enchondralen Ossifikation) vorliegt, unterbleibt die Fusion zwischen Elle und ihrem Processus anconaeus. In der Folge kann es zu einem teilweisen oder vollständigen Abriss durch ein Trauma kommen. Möglich ist auch das Ausbleiben des Fugenschlusses infolge hoher körperlicher Aktivität. Als weitere Ursache wird ein vermindertes Längenwachstum der Elle (sog. short-ulna-syndrome) diskutiert, in deren Folge es zu einer Druckveränderung und zu Irritationen kommen kann, die in Wachstumsfuge zu Störungen der Verknöcherung und zum isolierten PA führen. Auch bei einer zu engen Gelenkpfanne (Incisura trochlearis) der Elle entsteht Druck auf den PA und dem medialen Kronfortsatz. Zur Diskussion als begünstigender Einfluss auf das Auftreten eines IPA steht auch die Überversorgung mit Calcium und Phosphor.

Unabhängig von der Ursache kommt es jedoch in jedem Fall durch den beweglichen Gelenkfortsatz zu einer andauernden Reizung des Gelenkes mit zügiger Bildung einer meist starken Arthrose. Insofern entstehen für den betroffenen Hund auch starke Schmerzen im Gelenk, die mit einer deutlichen Lahmheit verbunden sind – die betroffenen Hunde zeigen oft eine typische Schonhaltung mit nach außen gedrehten Pfoten und Unterarmen und nach innen gedrehten Ellenbogen.

Eine besondere Disposition für den IPA scheint beim Deutschen Schäferhund und beim Rottweiler zu bestehen, wobei auch vorwiegend Rüden und weniger Hündinnen von der Erkrankung betroffen sind. Überdies tritt der IPA nur in etwa 40 Prozent der Fälle beidseitig auf.

Der Tierarzt stellt die Diagnose anhand einer Röntgenaufnahme, die in Beugestellung des Gelenks entsteht und auf der bei einem positiven Befund die Frakturlinie in den meisten Fällen gut sichtbar ist – wobei eine solche Untersuchung erst ab dem 7. Lebensmonat sinnvoll ist, da der Processus anconeus erst mit etwa fünf bis sechs Monaten mit der Elle verschmilzt. Insofern wird auch die Behandlungsmethode, bei welcher der PA mittels einer Osteosynthese entweder entfernt oder mit einer Schraube fixiert wird, nur selten angewandt, denn sie ist nur bis zum Alter von sieben Monaten möglich, wenn ansonsten nur geringe Gelenksveränderungen feststellbar sind – die Zeitspanne zwischen dem Abschluss der enchondralen Ossifikation und der Möglichkeit der Operation ist also sehr gering. Einer solchen Operation folgen aber in jedem Fall eine zwei bis vier Wochen andauernde maximale Bewegungseinschränkung, verbunden mit Leinenzwang und anschließend für die gleiche Zeit nur wenig Bewegungsspielraum.

Mit dem IPA gehen Sklerosierungen des betroffenen Bereiches und bei längerem Bestehen auch Knochenanbauten einher, die auf dem Röntgenbild sichtbar sind.

 

  • einem Osteochondrosis dissecans" (OCD)

Wenn die Knorpelzellen an der Grenze zum Knochen infolge einer Entwicklungsstörung, die zur Bildung einer zu dicken Knorpelschicht und einer Störung der Nährstoffversorgung der tiefen Knorpelschicht führt, absterben, so dass Risse im Knorpel entstehen, spricht man von einer "Osteochondrose". In der Folge gelangt die Gelenkflüssigkeit in Kontakt mit dem unter dem Knorpel gelegenen Knochen und den abgestorbenen Knorpelzellen – das Gelenk entzündet sich und durch die Ansammlung der Flüssigkeit im Gelenk (Gelenkerguss) wird die Kapsel gedehnt. Dadurch können sich vom Gelenkknorpel ganze Schuppen abheben und es kommt zu einer Osteochondrosis dissecans. Diese Gelenkfragmente bleiben in den meisten Fällen an ihrem Platz, können jedoch auch als freie Gelenkkörper im Gelenk vorliegen. Aus der OCD entwickelt sich meist rasch eine schnell voranschreitende Arthrose, verbunden mit der Zerstörung des Gelenks, weil der veränderte oder auch abgelöste Knorpel die wichtigen Aufgaben wie die Stoßdämpfung sowie die Bildung einer Gleitfläche bei der Gelenkbewegung nicht mehr erfüllen kann.

Die OCD tritt im Bereich des Ellbogengelenks fast ausschließlich am innen liegenden Rollhöcker des Oberarmknochens (Condylus medialis humeri) vor. Meist entsteht sie im Alter von 5 Monaten und in der Regel beidseitig.

Allerdings kann OCD nicht nur im Bereich des Ellbogengelenkes entstehen, sondern grundsätzlich im Bereich aller Gelenksflächen und Wachstumsfugen, denn beim Welpen und Junghund wächst der Knochen sowohl in den Wachstumsfugen, als auch im Bereich der Gelenksflächen. Dabei entstehen durch Zellteilung Knorpelzellen, die im Verlauf der Entwicklung in Knochenzellen umgewandelt werden.

Als Ursache jeder OCD gilt eine Knorpelwachstumsstörung mit mangelhafter Ausreifung, die beispielsweise in Folge einer zu hohen Wachstumsgeschwindigkeit entstehen kann. Im Zusammenhang damit steht auch eine zu energie- und kalziumreiche Fütterung.

Als besonders dispositioniert für diese Erkrankung gelten der Labrador Retriever, der Golden Retriever und der Rottweiler.

Die OCD ist mit großen Schmerzen für den Hund verbunden, wobei als typisches erstes klinisches Anzeichen das nach außen drehen (abduzieren) der Gliedmaße vom Ellenbogengelenk an gilt.

Diese Form der Ellbogengelenkdysplasie ist oft mit einem fragmentierten Processus coronoideus verbunden. Nicht zu verwechseln ist die "echte OCD" mit den Knorpelerosionen (kissing lesions) bei einem FCP, welche nicht das unter dem Gelenkknorpel gelegene (subchondrale) Knochengewebe betreffen.

Eine erste Diagnose erlaubt in der Regel ein Röntgenbild im anterior-posterioren Strahlengang (Projektion von vorn nach hinten), wobei der röntgenologische Nachweis jedoch nicht immer gelingt, weshalb zur Sicherstellung der Diagnose zu einer Arthroskopie (Gelenkspiegelung) oder Computertomografie (CT) geraten wird. Zur Behandlung der OCD entscheidet man sich in der Regel für eine der verschiedenen Arten der Operation, wobei als gängigstes Verfahren das Auffrischen des Defektes ist, in dessen Folge ein "Ersatzknorpel" gebildet werden kann. Die Qualität des so neu entstandenen Knorpelmaterials ist zwar dem eigentlichen Knorpelmaterial unterlegen, aber ein freiliegender Knochen wäre das größere Übel. Die Operation kann in der Regel sogar minimalinvasiv über eine Arthroskopie (Gelenkspiegelung) durchgeführt werden.
 

  • einer Inkongruenz

Die mangelnde Kongruenz stellt sich in der Regel als Stufenbildung zwischen Elle und Speiche dar. Jedoch ist auch ein ungleichmäßig breiter Gelenkspalt möglich. Ob eine Inkongruenz besteht, lässt sich anhand eines Quotienten feststellen, für den die Länge der Incisura trochlearis sowie die Entfernung zwischen der Spitze des Processus anconaeus und der Spitze des Processus coronoideus lateralis ulnae gemessen wird. Werden dabei beide Werte über einem Quotienten von 1,15 ermittelt, gilt das Ellenbogengelenk als inkongruent.

Es wird vermutet, dass eine geringere Form dieser Stufenbildung auch an der Entstehung des FCP und eventuell auch des IPA beteiligt ist. Allerdings müssen Hunde keinen FCP oder IPA haben, damit man von einer Inkongruenz als eigenständigem Erscheinungsbild sprechen kann – entscheidend ist die erhebliche Stufenbildung zwischen Elle und Speiche, durch die es zur ungleichmäßigen Belastung der Gelenkflächen und damit zu Überlastungszonen kommt, in denen Knorpel und unterliegender Knochen geschädigt werden. In der Folge entsteht eine Entzündung des Gelenkes und verbunden damit das Entstehen einer Lahmheit sowie Schmerzen und einer Arthrose.

Auch wenn alle Erscheinungsformen der ED im Prinzip eigenständige Erkrankungen sind, werden sie als Ausdruck einer Fehlbildung des Gelenks unter dem Begriff der Ellbogengelenkdysplasie zusammengefasst. Auch ihre Auswirkungen auf das Gelenk sind insofern gleich, als dass sie im eigentlichen Sinn nicht heilbar sind. Das betroffene Gelenk wird also immer erkrankt bleiben, auch wenn durch eine adäquate Behandlung, welche von der Erscheinungsform der Erkrankung, vom Grad der Symptome des Hundes und von der Art und dem Grad der Röntgenbefunde abhängt,  meist eine Verbesserung der Lahmheit und Reduktion der Schmerzhaftigkeit erreicht werden kann.

Bei dieser Lahmheit im Bereich der Vordergliedmaße besteht eine Mischform aus Hangbein- und Stützbeinlahmheit. Beim Gangbild fällt besonders auf, dass es zu einer Wegführung des Unterarmes und der Pfote von der normalen Achse der Gliedmaße (Abduktion) sowie einem Heranziehen des Ellenbogens an den Körper (Adduktion) kommt, wobei die Gliedmaße eingedreht wird.

Der Tierarzt wird bei der klinischen Untersuchung oft eine vermehrte Füllung der Gelenkkapsel feststellen. Außerdem ist das betroffene Gelenk meist schmerzhaft und teilweise können Knirschgeräusche wie das schmerzhafte, hör- und fühlbare Aneinanderreiben von abgelösten Knorpel- und Knochenfragmenten (Pseudokrepitationen) ausgelöst werden.

Die Einteilung in drei klinische Stadienerfolgt nach den Vorgaben der International Elbow working Group nach dem Ausmaß der Erkrankung. Relevant für die Klassifizierung ist der Schweregrad der Arthrose, der über das Ausmaß der Knochenzubildungen (Osteophyten) beurteilt wird. Kaum Beachtung für die Klassifizierung findet hingegen das Auftreten spezifischer Läsionen (FCP, IPA, OCD) – sie werden lediglich vermerkt:

als Gesundheitsprophylaxe gegen Hüft- und Ellbogengelenkdysplasie

Überdies steht für die Klassifizierung die weitere Einteilung nach dem ED-Score nach Lang zur Verfügung. Bei dieser Einteilung ergeben sich Scores zwischen 0 (keine ED) und 21 (schwere ED) aus einer Punkteklassifizierung, die anhand diverser radiologischer Merkmale erstellt werden:

als Gesundheitsprophylaxe gegen Hüft- und Ellbogengelenkdysplasie

Wie bei der Hüftgelenkdysplasie, muss man davon ausgehen, dass sich die Ellbogendysplasie vererbt und damit eine genetische Disposition besteht. Insofern sollen Hunde mit einer ED von der Zucht ausgeschlossen werden – einige Rassezuchtverbände fordern bereits ED-Freiheit bei Hunden, die zur Zucht genutzt werden. Von einigen Rassezuchtverbänden wird überdies zur Einschränkung der ED eine Zuchtwertschätzung durchgeführt, bei welcher die Röntgenaufnahmen von anerkannten Gutachtern beurteilt werden. Um eine Beurteilung zu ermöglichen, müssen beide Ellbogengelenke geröntgt werden – zum Zeitpunkt der Untersuchung müssen die Hunde ein Alter von mindestens 12 Monaten haben. Verlangt wird jeweils eine seitliche Aufnahme (mediolateraler Strahlengang) in 40–90° Beugehaltung sowie eine kraniokaudale in 15° Supination um eine klare Diagnose zu erstellen. Noch effektiver wird die Befundung, wenn zwei mediolaterale Aufnahmen mit Beugewinkeln von 30 und von 100–120° erstellt werden, weil sich so ein isolierter Processus Anconaeus (IPA) sicherer nachweisen lässt.

 

Behandlung und Prognose


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