Das Equine Cushing Syndrom - Teil 1

23.07.2014 20:50 | Gesundheitliche Probleme mit Kräutern heilen

 

Das Equine Cushing Syndrom – Dauerwelle durch ein Stresshormon


Von Sabine Bröckel / Tierheilpraktikerin, Autorin und Besamungswartin

 

 Cushing-Syndrom Teil 2 

 

Das Equine Cushing Syndrom


Wenn aus einer zuvor eher langweiligen Frisur eine schick ondulierte Lockenpracht wird, hat der Friseur an uns Mädels in der Regel ein kleines Kunstwerk vollbracht – ein Grund, dass wir uns hübscher und insgesamt einfach besser fühlen.

Wenn sich das Fell eines Pferdes aber plötzlich kräuselt und seine Haare auch über den Fellwechsel hinaus ungewöhnlich lang bleiben, dann ist das oftmals kein Zustand, der das Wohlbefinden dieses Pferdes steigert, sondern eher ein Grund, an das Equine Cushing Syndrom (ECS) zu denken.

 

ACTH  - ein Stresshormon sorgt für Chaos im Körper


Der unvollständige, stark verlangsamte oder fast ganz ausbleibende Fellwechsel und das gekräuselte Haar können ein Zeichen für eine Funktionsstörung der Nebennierenrinde oder der Hypophyse (Hirnanhangsdrüse) sein, bei welcher zuviel ACTH (Adrenokortikothopes Hormon) produziert wird. Hierbei handelt es sich um ein Stresshormon, welches unter anderem die Aufgabe hat, Mineralkortikoide (Ödembildung, vermehrter Durst) und Sexualhormone anzuregen. Es steht aber auch im engsten Zusammenhang mit der Ausschüttung von Glukocorticoiden und fördert die Freisetzung von Kortisol aus der Nebennierenrinde.

 

Kortisol – Entzündungshemmer im Kampf gegen das Immunsystem


Grundsätzlich wäre das kein problematischer Vorgang, denn Kortisol wirkt unter anderem auch entzündungshemmend. Wird dieses Hormon aber im Übermaß produziert, kommt es zu einer Unterdrückung des gesamten Immunsystems. In der Folge neigen die Pferde verstärkt zu Infekten und bei Verletzungen ist eine schlechte Heilung der Wunden auffällig. Die Leistungsfähigkeit nimmt ab – die Pferde ermüden rasch, stehen häufig mit gesenktem Kopf auf der Weide, im Auslauf oder in der Box. Auch Überbeine, Knochenbrüche und Bindegewebsprobleme sind häufig beobachtete Problematiken, die auf einer massiven und systematische Entkalzifizierung durch eine hohe Belastung mit Kortisol basieren. Eine weitere Reaktion des Körpers auf Kortisol sind Wassereinlagerungen, Aufschwemmungen und ein massiv gesteigerter Appetit. Viele von ECS betroffene Pferde wirken in der Anfangsphase der Erkrankung eher fettleibig und es bilden sich teilweise auch eine Art Fettschwämmchen über den Augen, was vielfach zuerst an die Diagnose "Equines metabolisches Syndrom (EMS)" denken lässt. Dazu kommt ein starker Muskelabbau – die Rückenlinie senkt sich ab und es entsteht ein Hängebauch.

In vielen Fällen steigt auch das Allergierisiko, was zur Folge hat, dass das Gewebshormon und als Neurotransmitter wirkende Histamin aktiv wird und seinerseits für eine übermäßige Produktion des Stresshormons ACTH sorgt.

Gerade weil die Stresshormone sich bei der Freisetzung von Kortisol gegenseitig verstärken (synergistischer Effekt), ist vor allem auch Stress ein weiterer Risikofaktor. Bei Stress erfolgt eine erhöhte Freisetzung von Katecholaminen (Adrenalin und Noradrenalin). Die regt eine gesteigerte Freisetzung von ACTH an und das fördert wiederum die Ausschüttung von Kortisol. Zusammen mit den freigesetzten Katecholaminen wirkt Kortisol aktivierend auf das Herz-Kreislauf-System und damit kann sich der Blutdruck erhöhen. Es kann zu einer Überlastung des Herz-Kreislauf-Systems kommen.

Kortisol aktiviert aber auch katabole (= abbauende) Stoffwechselvorgänge und fördert zum einen außerhalb der Leber die Lipolyse (Fettverbrennung), wirkt aber zum anderen auch Muskelgewebe abbauend. Gleichzeitig stellt Kortisol dem Körper aber auch energiereiche Verbindungen zur Verfügung. Dies führt aber bei einem krankhaften Übermaß der Ausschüttung diesen Hormons zu einer kontinuierlichen Erhöhung des Blutzuckerspiegels, wodurch sich die Glukosekonzentration im Blut erhöht.

Insulin – der Gegenspieler des Kortisols


Die Regulierung der Konzentration von Glukose im Blut erfolgt durch einen Regelkreis aus zwei Hormonen, die abhängig von der Blutzuckerkonzentration ausgeschüttet werden. Das einzige Hormon, welches den Blutzuckerspiegel senken kann, ist das Insulin – es ist der Gegenspieler des Kortisols und wird von den β-Zellen Insulin ins Blut ausgeschüttet. Die Schlüsselfunktion, die es dem Insulin ermöglicht, den Blutzuckerspiegel zu senken, erhält das Hormon aus seiner Fähigkeit, der Glukose aus dem Blutplasma und der Gewebsflüssigkeit den Durchtritt durch die Zellmembran in das Zellinnere zu ermöglichen. Vor allem die Leber- und Muskelzellen können in kurzer Zeit große Mengen Glukose aufnehmen und sie dann entweder in Form von Glykogen speichern oder in Energie umwandeln. Insulin hat aber auch einen hohen Einfluss auf den Fett- und Aminosäurestoffwechsel sowie auf den Kaliumhaushalt.

Allerdings geht die Veterinärmedizin inzwischen davon aus, dass ein Überschuss an Insulin Hufrehe auslösen könnte.

Eine kontinuierliche Erhöhung des Blutzuckerspiegels kann beim Pferd auch vor allem sehr rasch zur Ausbildung einer Insulinresistenz führen. Hierbei gelangt der Zucker nicht mehr über das Blut ins Gewebe, sondern wird über den Harn ausgeschieden – viele von ECS betroffene Pferde magern im späteren Stadium der Krankheit plötzlich extrem ab. Der rasante Abbau von eiweiß- und fetthaltiger Körpermasse überlastet jedoch auch die Leber immens und kann auch zur Verfettung dieses Organs führen.

Wer sein Pferd nun auch noch schont, weil es nicht noch mehr Gewicht verlieren soll, riskiert, dass damit auch die Option eines insulinunabhängigen Transports des Zuckers direkt über die Muskulatur fehlt.

ECS – welche Pferde sind verstärkt davon betroffen?


Sowohl an den Auslöser des Equinen Cushing Syndroms, als auch an die Disposition gefährdeter Pferde tastet sich die Wissenschaft nur mühsam heran. War es vor noch nicht allzu langer Zeit noch eine "Seniorenkrankheit", die nur Pferde über 15 Jahre befiel, wurden inzwischen auch schon Symptome bei deutlich jüngeren Pferden beobachtet. Insofern ist eine – zuerst in allen ECS-Fällen angenommene - altersbedingte Dopamin-Unempfindlichkeit nur eine Möglichkeit eines Auslösers dieser äußerst komplexen Krankheit.

Fakt ist jedoch die Lokalisation der Krankheit: Die Dysfunktion der Pars intermedia der Hypophyse. Insofern geht man inzwischen auch dazu über, die ursprüngliche Benennung "Cushing Syndrom", welche sich auf die Ähnlichkeit dieser Hormonstörung bei Mensch und Hund zurückführen lässt, in eine neue und präzisere Bezeichnung – Pituitary pars intermedia dysfunction (PPID) - zu ändern.

  • Altersbedingte Dopamin-Unempfindlichkeit

Nach wie vor kann eine altersbedingte Dopamin-Unempfindlichkeit die Krankheit auslösen, denn Dopamin spielt bei der Steuerung des Teils der Hirnanhangdrüse (Pars intermedia der Hypophyse) eine Rolle, welcher seinerseits die Nebennierenrinde steuert. Die Dopaminkonzentration kann aber auch durch eine Reaktionskette anderer überproduzierter Hormone vermindert sein, wodurch die inhibitorische Wirkung des Dopamins dann ebenfalls fehlt.

Allerdings können, aufgrund der recht unterschiedlichen Erscheinungsbilder der Krankheit, trotzdem mehrere Möglichkeiten als Auslöser des Equinen Cushing Syndroms in Betracht kommen.

  • Sekundäres Cushing, ausgelöst durch ein Hypophysenadenom

Meist geht man beim sogenannten sekundären Cushing von einem Hypophysenadenom an einem Teil der Hirnanhangsdrüse - der Adenohypophyse - aus. Die Adenohypophyse reguliert die Produktion von Kortisol in der Nebennierenrinde. Durch ein Adenom wird Kortisol im Übermaß ausgeschüttet, weshalb der Kortisolgehalt im Blut ständig erhöht ist.

  • Primäres Cushing, ausgelöst durch ein Adenom der Nebennierenrinde

Beim primären Cushing, der seltener beim Pferd vorkommt, wird ein Tumor (Adenom) der Nebennierenrinde zum Auslöser der Krankheit.

Ein solcher Tumor kann durch häufigere Kortisongaben entstehen, denn hierdurch bildet sich ACTH und die direkte Folge zu hohen ACTH – Ausschüttungen ist langfristig die Bildung von Adenomen (gutartigen Geschwülsten aus Schleimhaut- oder Drüsengewebe) oder Karzinomen (bösartigen Entartungen), die eine Hypertrophie (Vergrößerung) der Nebennierenrinde auslösen, welche nun unkontrolliert Kortisol ausschüttet. Diese Überfunktion der Nebennierenrinde nennt man Hyperadrenokortizismus.

 

Peripheres Cushing oder equines metabolisches Syndrom (EMS)?


Immer wieder scheint sich jedoch auch die These zu bestätigen, dass es sich beim Equinen Cushing Syndrom um eine sogenannte Wohlstandskrankheit handelt, nachdem vor allem und überwiegend leichtfutterige Pferde – zumeist Angehörige sogenannter Robustrassen – davon betroffen zu sein scheinen. In diesem Zusammenhang wird auch von Wissenschaftlern und Tierärzten vielfach darüber diskutiert, ob oder inwieweit sich ein fütterungsbedingtes metabolisches Syndrom EMS in der Folge zu einem Cushing Syndrom entwickeln kann. Einigkeit besteht darüber jedoch nicht, auch wenn man inzwischen von einem "peripheren Cushing Syndrom" spricht, das großenteils übergewichtige, unterbeschäftigte Pferde im vorgerückteren Alter befällt. Gemeint ist damit jedoch das Equine Metabolische Syndrom (EMS), das am ehesten mit einer Diabetes zu vergleichen ist, die aus einer Stoffwechselstörung, bedingt durch Überfütterung der betroffenen Pferde mit sehr gehaltvoller, kohlehydratreicher Nahrung, resultiert.

Die Symptomatik ist – zumindest im Anfangsstadium beider Krankheiten - recht ähnlich und die Abgrenzung wird vielfach zunächst am Alter der erkrankten Pferde festgelegt: Während das EMS häufiger jüngere Pferde befällt, handelt es sich etwa ab dem Alter von 15 Jahren eher um ein ECS. Inzwischen ist aber auch diese These der "Seniorenkrankheit" eher umstritten, denn die sensibler werdenden Untersuchungsmethoden haben aufgedeckt, dass immer jüngere Pferde, sogar unter 10 Jahren, das Cushing Syndrom bekommen können. Diese Pferde fallen dabei nicht durch das lockige Fell sondern mehr durch das Auftreten von Hufrehe auf (Brüns, Diagnose und Therapieverlauf des equinen Cushing-Syndroms, 2001, THH).

Allerdings gibt es einen noch viel prägnanteren Unterschied zwischen dem Cushing und dem metabolischen Syndrom: Cushing entsteht durch eine krankheitsbedingte Überproduktion von Kortisol. Der krankhafte Stoffwechsel im Gegensatz zum EMS (klassische Diabetes) verläuft metabolisch somit anders, weil diese definitiv die Folge einer permanenten Überfütterung der betroffenen Pferde, verbunden mit einer, über einen längeren Zeitraum bestehenden, starker Fettleibigkeit ist. So kommen auch viele Studien zu dem gemeinsamen Fazit, dass das metabolische Syndrom in der Regel durch gezielte Diät und ein ausgeklügeltes Trainingsprogramm wieder geheilt werden kann, während die Veterinärmediziner und Forscher sich weitgehend einig sind, dass das Cushing Syndrom nur noch in seinen Symptomen zu beeinflussen aber nach heutigem Kenntnisstand nicht mehr zu heilen ist.

 

Vererblichkeit des Cushing Syndroms


Über die Vererblichkeit des Cushing Syndroms gibt es leider kaum wissenschaftlich fundierte Untersuchungen oder Studien. Die Problematik liegt unter anderem darin, dass – auch wenn es längst erwiesen ist, dass Cushing keine Seniorenkrankheit ist, sondern auch jüngere Pferde davon betroffen sein könnten – die Vorfahren betroffener Pferde meist nicht mehr leben und somit auch der Forschung nicht mehr zur Verfügung stehen, wenn die typischen Symptome, wie das auffällig gekräuselte Fell im fortgeschrittenen Alter den Verdacht auf Cushing wecken.

Auch bei eventuellen Nachkommen von Cushing-Pferden wird meist erst dann ein Rückschluss auf die Krankheit gezogen, wenn der Fellwechsel sich auffallend verändert, weil dieses Symptom das bekannteste zu sein scheint, das Pferdebesitzer mit Cushing verbinden. Oft gehen diesem Anzeichen aber viele andere voraus und das zottelige Lockenfell, das meist erst im Seniorenalter auffällig wird, ist nur die Folge einer langjährigen Erkrankung, die lange unbemerkt blieb. Viel zu selten kommen Pferdebesitzer auf die Idee, dass der Grund für einen plötzlichen Muskelabbau ihres Pferdes, eine verstärkte Leistungsfähigkeitsabnahme, häufige Infekte oder Hufrehe oder vermehrten Durst und Harndrang das Cushing Syndrom sein könnte. Insofern ist es schwer, an Vorfahren oder Nachkommen von betroffenen Pferden zu forschen, um eine Vererblichkeit nachzuweisen.

Erfahrungswerte geben aber trotzdem einen sehr deutlichen Hinweis darauf, dass die Disposition für das Cushing Syndrom auch in den Genen liegen könnte. Bei Hunden findet man beispielsweise durchaus schon gesicherte Beweise für diese These. So tritt das Cushing Syndrom bei manchen Linien der Pudelzucht besonders häufig auf. Weil jedoch das Equine Cushing Syndrom nicht zu 100 % mit dem von Hunden und Menschen vergleichbar ist, sind solche wissenschaftliche Erkenntnisse auch nicht 1:1 auf die Pferdezucht übertragbar.

Grundsätzlich sollten sich Züchter aber bewusst sein, dass die Möglichkeit der Vererbung besteht und darum davon absehen, Cushing-Pferde in der Zucht einzusetzen. Vor allem wird sehr häufig bei Stuten, die mit Pergolid behandelt werden, eine ungenügende oder sogar ganz ausbleibende Milchproduktion festgestellt – das Fohlen bekommt in den meisten Fällen zu wenig Immunglobuline aus dem Kolostrum und muss mit der Flasche und Ersatzmilch zugefüttert werden (was auch im Fall genügender Milchleistung der Mutter zu überlegen ist, weil das Medikament über die Milch ins Fohlen übergeht und dort Nebenwirkungen entwickeln kann).

Auffallend ist auch, dass viele Fohlen sehr mager zur Welt kommen – das spricht für eine unzureichende Ernähung im Mutterleib und damit verbundene Defizite der lebenswichtigen Nährstoffe. Nicht zuletzt ist eine Trächtigkeit für eine Stute mit einer massiven Erkrankung des Stoffwechsels nicht zumutbar, denn sie ist vergleichbar mit der Leistung, die ein Sportpferd in Hochleistungssport erbringen muss. Die allgemeine Schwäche, der Muskelabbau und der Verlust der Körpermasse, zusammen mit einem Abfall der Leistungsfähigkeit sollten Argumente genug sein, einer Stute mit Cushing Syndrom nicht noch zusätzlich ein Fohlen zuzumuten, denn der hormonelle Stoffwechsel der Pferde mit Cushing ist bereits stark belastet.

Löst ein lange bestehendes Nährstoffdefizit EMS aus?


Im Hause Dr. Weyrauch werden seit dem Jahr 2010 Pferde, bei denen das Equine Cushing Syndrom diagnostiziert wurde, in Bezug auf die Fütterungshistorie untersucht. Dabei wurden rund 150 Fälle für die Forschung herangezogen, wodurch sich herausstellte, dass über 95 Prozent aller ECS-Pferde in einem Alter unter 24 Jahren unter jahrzehntelangen Ernährungsdefiziten, vor allem in Bezug auf die Spurenelemente, litten.

Es ist also aufgrund dieser Studie davon auszugehen, dass es sich bei ECS nicht nur um eine Wohlstandserkrankung handelt, sondern vor allem um die Folge einer länger währenden Mangelsituation, der die betroffenen Pferde ausgesetzt wurden. Wobei es nicht unbedingt die Quantität des Futters geht, die als mangelhaft bezeichnet werden muss, sondern um die Qualität der Futtermittel, die auf der einen Seite sehr energiereich und auf der anderen Seite extrem nährstoffarm sind. Ein permanenter Überschuss von Kohlehydraten bei zu wenig körperlicher Bewegung kann ähnliche Symptome auslösen, wie sie das Equine Cushing Syndrom aufgrund einer Entartung der Nebennierenrinde zeigt. Auch Parasitenbefall, Spurenelementmängel oder Zahnprobleme lösen ein ähnliches äußeres Bild aus (Dietz, Huskamp Handbuch Pferdepraxis, 1999). Nicht zuletzt kann ein Kupfermangel auch eine Veränderung des Fells zur Folge haben: Die Haare kräuseln sich.

ECS - Stress macht krank


Vielfach wird die These vertreten, dass Pferde, die permanent hohem Stress ausgesetzt sind, ebenfalls ECS-Symptome zeigen. Diese Meinung begründet sich auf der Tatsache, dass Stress zu einer Sympathikusstimulation und somit zu einer vermehrten Freisetzung von ACTH führt (Schwartz, 2007). Als sogenanntes Stresshormon ist ACTH ein Bestandteil des Melanokortinsystems und ein zentrales regulatorisches Element in der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren-Achse, der sogenannten "Stressachse".

Wenn Pferde also physischen und psychischen Belastungen, wie Stress, Kälte, Schmerzen oder schwere Anstrengungen, Verletzungen und Krankheiten, Transporten, Stallwechseln, Verlust von Herdenmitgliedern oder bei Stuten einer Totgeburt ihres Fohlens ausgesetzt werden oder rangniedrige Tiere ständig aus dem Herdenverband vertrieben werden, erfolgt eine verstärkte Ausschüttung des Stresshormons ACTH über eine vermehrte Freisetzung des "corticoreleasing-factor" aus dem Hypothalamus (Schwartz, 2007). Wird der Stress zu einer Dauersituation und kann er nicht bewältigt werden, bleibt er damit als chronischer Stress bestehen. Hieraus kann es zu einer Erschöpfung der Nebennieren kommen, wobei der Kortisolwert – im Gegensatz zum Cushing Syndrom - sinkt, aber der ACTH-Wert bleibt hoch. Es resultiert daraus ein Zustand völliger Erschöpfung, der beim Pferd bislang noch keine große Beachtung fand. Allerdings ist es auch nicht auszuschließen, dass chronischer Stress, als Verursacher einer permanenten ACTH – Ausschüttung, der Grund für eine Überreaktion der Nebennierenrinde sein kann. Überdies kann beispielsweise ein Mineralstoff- oder Spurenelementmangel, wie ein starker Zinkmangel das Nervenkostüm eines Pferdes strapazieren und es in Stress versetzen, der wiederum die Ausschüttung des Stresshormons ACTH fördert.

Stress spielt auch eine große Rolle im Bezug auf die Insulinresistenz. Es gilt also, in erster Linie Stress im Bereich der Pferdehaltung, dem Umgang mit dem Pferd oder im Training zu vermeiden, um einer Insulinresistenz entgegen zu wirken.

Um den Stress des Pferdes vorzubeugen und Stresssituationen zu reduzieren können folgende Maßnahmen ergriffen werden:

  • eine absolut bedarfsgerechte, rohfaser- und strukturreiche Ernährung mit mäßiger Stärke- und Zuckerzufuhr (insbesondere arm an Glukose und Fructose) und einem der geforderten Leistung entsprechender Fettgehalt
  • eine ausreichende Spurenelementversorgung und dabei explizit die Sicherstellung einer hochwertigen Magnesium- und Zinkversorgung
  • eine regelmäßige Fütterung des Kraftfutters in mehreren kleinen Portionen über den Tag verteilt und ein ständiger Zugang zum Heu(mindestens 1,5 kg pro100 kg Körpergewicht). Im Idealfall sollte auch rangniedrigen Tieren der Zugang zum Heu und eine entspannte Futteraufnahme möglich gemacht werden (mehrere Heuraufen/ Futterständer oder Fütterung in Einzelboxen)
  • Fütterungen sollten immer an der gleichen Stelle erfolgen
  • eine gut zugängliche Tränke, die auch für rangniedrige Pferde gut zugänglich ist und genügend (auch auf der Weide, nicht zu kalt und nicht mittels Zungentränke)
  • Kein ständiges Umstellen, kein Stallwechsel, kein Wechsel der Pferdebestände innerhalb der Herde, in der das Pferd seinen Platz gefunden hat und sich wohlfühlt
  • Kein Zusammenstellen mit aggressiven oder extrem dominanten Pferden
  • Genügend Platz auf der Weide oder im Auslauf, sodass rangniedrige Pferde ausweichen können (0,5 Hektar pro Pferd)
  • Keine zu großen Herdenverbände
  • Keine Veränderungen der täglichen Abläufe, beispielsweise der Fütterungs- und Weideroutine
  • eine gymnastizierende Reitweise, welcher der Biomechanik des Pferdes entspricht und es nicht in Spannungszustände versetzt oder ihm gar Schmerzen zufügt
  • eine regelmäßige und ausreichende tägliche Bewegung, in der das Pferd auch im Trab und Galopp gefordert (nicht überfordert!) wird
  • auf das Pferd angepasstes und gut passendes Sattelzeug, das keinen Druck erzeugt
  • die regelmäßige korrekte Hufpflege, respektive Hufbeschlag alle 6 bis 8 Wochen. Wichtig ist hierbei auf eine gute und entlastende Hufform zu achten
  • die regelmäßige Überprüfung der Zähne (halbjährlich) und gegebenenfalls eine professionelle Bearbeitung derselben
  • eine kontinuierliche Entgiftung der Leber (Mariendistelöl)
  • nutritive Unterstützung des Herzens mit hochwertigem Magnesium, natürlichem Vitamin E (Leinöl), sowie herzrelevanten Kräutern wie Weißdorn, Galgant, Rosmarin und Melisse
  • die Reduktion der Impfungen auf ein Minimum
  • Weil auch Kälte oder ein Hitzestau im Sommer unter dem dichten Cushing-Fell zu Stress führt, sollten betroffene Pferde im Winter eingedeckt und im Sommer geschoren werden. Zu überlegen ist auch der Fliegenschutz mittels einer Fliegendecke, denn auch die Attacken geflügelter Plagegeister können Stress auslösen.
  • Überdies können auch Krankheiten Stress auslösen – Prophylaxe ist beim Cushing Pferd besonders wichtig. Gerade Hauterkrankungen, wie Mauke oder ein Pilzbefall kann durch eine regelmäßige Fellpflege vorgebeugt werden. Außerdem steigert das Putzen des Pferdes sein Wohlgefühl und das wirkt Stress entgegen.

 

Begünstigt die exzessive ACTH-Produktion die Tumorbildung oder der Tumor die exzessive ACTH-Produktion?

Hier bleibt jedoch die Frage nach dem Huhn oder dem Ei zu beantworten. Aber ob der Tumor durch die exzessiven ACTH-Produktion aufgrund von Kortisongaben entstand oder ob eine – wie auch immer entstandene - tumoröse Entartung der melanotropen Zellen der Pars Intermedia die übermäßige ACTH-Produktion anregte und es in der Folge zu einer Hypertrophie der Nebennierenrinde kam, ist letztlich irrelevant zur Behandlung des hypophysären Cushing Syndroms.

In jedem Fall verursacht ein solches Adenomen durch seine Anwesenheit, abgesehen von der Hypertrophie der Hirnanhangsdrüse, eine Druckatrophie von Hirnanhangsdrüsengewebe, sowie die Kompression anliegender Bereiche. Durch diesen Vorgang reagiert die Hirnanhangsdrüse, als wichtiges Organ im Hormonstoffwechsel, mit einer Überaktivität in der Hormonproduktion. Es folgt eine Reaktionskette, in der ein Hormon die Überproduktion eines anderen auslöst, das wiederum regt die Überproduktion eines weiteren Hormones an. Die Hemmwirkung durch die produzierten Hormone, die normalerweise eintritt, wenn der Hormonspiegel hoch genug ist (negativer "Feedback"), entfällt aber bei dieser Kette und der Kortisolwert im Blut ist erhöht.

Folgende typische ECS-Symptome können die Folge sein:

(meist treten nicht alle Anzeichen gleichzeitig auf, aber wenn 2-3 Symptome aufeinandertreffen und andere Krankheiten ausgeschlossen sind, sollte man an ECS denken)

  • Veränderung des Haarkleides (Hirsutismus)

55 bis 80 Prozent der Cushing Pferde haben ein sehr dichtes und auffallend langes Fell im Winter mit der Tendenz sich zu kräuseln oder zu locken, sowie einen verzögerten, nicht vollständigen oder sich überlagernden Fellwechsel, bei dem oft auch im Sommer noch lange Haare zurückbleiben. Gelegentlich zeigen die Pferde lokale Haarlosigkeit (Alopezie).

  • starkes Schwitzen (Hyperhidrose)

Cushing Pferde geraten schneller in Schweiß. Auffällig kann neben dem vermehrten und teilweise auch unbegründeten Schwitzen auch die lokale (auf einige Körperstellen begrenzte) Schweißbildung sein

  • Muskelatrophie

Die Muskelrückbildung vor allem am Rücken der betroffenen Pferde führt zu einem Hänge- oder Senkrücken, der mitunter von Pendelabdomen und von Fettpolstern an Bauch (Hängebauch) und Mähnenkamm begleitet sein kann

  • Gewichtsverlust

Cushing Pferde sind zu Beginn der Krankheit oft eher zu dick, magern dann aber plötzlich ab, obwohl sie genügend oder sogar übermäßig viel Futter bekommen und mit guten Appetit fressen und viel Futter aufnehmen

  • Vermehrte Wasseraufnahme/ vermehrter Harnabsatz (Polyurie/ Polydipsie)

Verursacht durch eine Glukosurie, haben Pferde mit ECS einen gesteigerten Durst und trinken oft und viel. Begleitet wird dies durch häufiges Absetzen von Urin

  • Ödeme

Verursacht durch mineralkortikoide Effekte entstehen Wassereinlagerungen

  • Retroorbitale Fettdepots

Durch eine Fettumverteilung im Körper kann es zu Fettdepots am Halskamm (Speckhals), an der Kruppe, am Unterbauch, hinter der Schulter und über den Augen kommen. Ebenfalls besteht die Gefahr der Fettleber

  • Apathie/ Lethargie/ Leistungsabfall

Durch den Muskelabbau kommt es zu einer Muskelschwäche und zum Leistungsabfall. Cushing-Pferde wirken überdies oft matt und müde, lassen im Stehen oft den Kopf hängen, wirken depressiv und abwesend

  • Reduziertes Schmerzempfinden

Durch die anhaltend erhöhte Endorphinproduktion sind betroffene Pferde meist schmerzunempfindlicher

 

Zu den Begleiterkrankungen, die durch das Equine Cushing Syndrom gefördert werden gehören:

  •  Hufprobleme wie Hufrehe (Laminitis), Huflederhautentzündung, häufige Hufgeschwüre oder –abszesse·

Die Hufrehe wird durch eine Hyperinsulinämie verursacht und ist häufig sehr therapieresistent. Dabei ist jedoch auch auffällig, dass die Hufrehe oft ein eher untypisches Erscheinungsbild zeigt und auch zu ganz untypischen Jahreszeiten auftritt. Diese Rehe kann zur Hufbeinrotation oder -senkung führen, ist aber möglicherweise für das Pferd zeitweise fast schmerzfrei, weil das Schmerzempfinden durch die erhöhte Endorphinproduktion ein herabgesetztes Schmerzempfinden hat und darum zeigen Cushing-Pferde oft auch nicht die typische Rehestellung. Es sind lediglich, neben einer Fehlstellung (nach hinten gebrochene Fesselachse), Störungen im Bewegungsablauf zu beobachten: eine rehetypische Trachtenfußung und ein unklarer Gang, wenn man das Pferd in den Trab treibt. Besteht der Verdacht auf das Equine Cushing Syndrom, sollten die Hufe des Pferdes nur vorsichtig ausgeschnitten und möglichst nicht beschlagen werden, denn bei zu großzügigem Ausschneiden der Hufsohle könnte es zu einer Penetration (Hufbeindurchbruch) kommen.

  • Futterverweigerung, Magengeschwüre, verstärkte Kolikneigung

Bei Cushing Pferden ist häufig eine zeitweise Appetitlosigkleit bis hin zur Futterverweigerung zu beobachten. Auch die Schutzschicht der Magenschleimhaut kann abnehmen. Dazu kommt eine verstärkte Magensäureproduktion, die mit der Gefahr von Magengeschwüren und erhöhter Kolikneigung einhergeht

  • Überbeine, Knochenbrüche, Osteoporose und Bindegewebsschwäche, Sehenentzündungen

Knochen- und Bindegewebsprobleme werden durch eine massive und systematische Entkalzifizierung durch eine hohe Belastung mit Kortisol hervorgerufen

Unfruchtbarkeit oder Störungen des Zyklus bei Stuten (Infertilität)

  • Herz-Kreislaufprobleme bis hin zum gelegentlichen Umfallen

Bei Stress erfolgt eine erhöhte Freisetzung von Katecholaminen (Adrenalin und Noradrenalin). Die regt eine gesteigerte Freisetzung von ACTH an und das fördert wiederum die Ausschüttung von Kortisol. Zusammen mit den freigesetzten Katecholaminen wirkt Kortisol aktivierend auf das Herz-Kreislauf-System und damit kann sich der Blutdruck erhöhen. Es kann zu einer Überlastung des Herz-Kreislauf-Systems kommen.

  • massive Stoffwechselentgleisungen mit kreuzverschlagähnlichen Symptomen

 

Krankheiten, die aufgrund der Unterdrückung der immunologische Prozesse (Immunsuppression) als Begleiterscheinung der ECS entstehen können:

  • Infektiöse Hauterkrankungen (Mauke, Pilzbefall)

  • deutlich geschwächte Abwehrkräfte mit häufigen, hartnäckigen Infekten

  • nicht behandelbare Durchfälle/ Kotwasser

  • Zahnerkrankungen (Probleme beim Kauen, Heu kann nicht mehr gefressen werden)

  • Nasennebenhöhlenentzündung (Sinusitis)

  • Lungenentzündung (Pneumonie)

  • Abszesse

  • Wundheilungsstörungen

Leider sind die klinischen Symptome nicht immer klar zu erkennen. Je nach dem allgemeinen Befinden des Pferdes und insbesondere in Abhängigkeit vom aktuellen Ernährungsplan können betroffene Pferde ganz unterschiedlich auf den krankheitsbedingten Zellabbau reagieren. Sollen jedoch mehr als zwei Anzeichen für das Equine Cushing Syndrom bestehen, sollte man es nicht versäumen, die Messung des endogenen ACTH-Spiegels bei diesem Pferd durchzuführen. Leider ist manche dieser Tests nur bei einem stress- und schmerzfreien Pferd aussagekräftig, da der ACTH-Spiegel bei Stress und Schmerzen auch bei einem ansonsten gesunden Pferd erhöht sein kann. Teilweise sind sie auch abhängig von der Jahreszeit und es kann sowohl zu falsch-positiven, als auch zu falsch-negativen Ergebnissen kommen.

Nicht nur für die Diagnose, sondern auch für die im Fall eines positiven Tests anschließende Therapie ist die Hormon- und Stoffwechselprofils außerordentlich wichtig. Neben dem ACTH-Wert sollte zur Abgrenzung, respektive zum Ausschluss von weiteren Stoffwechselerkrankungen wie Hyperlipidämie und Equines metabolisches Syndrom, auch der Wert von Insulin, Glucose und der Triglyceride im Blut überprüft werden.

Als Test mit der besten Aussagekraft gilt der Dexamethason-Supperssionstest, bei welchem dem Pferd geringe Mengen des synthetischen Glucocorticoids verabreicht werden. Beim gesunden Pferd kommt es sofort zu einer Hemmung der ACTH-Sekretion so dass als Folge das endogene Kortisol absinkt. Diese Hemmung der Kortisolausschüttung ist ein Indiz dafür, dass das Pferd gesund ist. Bleibt der Kortisolspiegel erhalten, zeigt dies an, dass das Pferd unter dem Cushing Syndrom leidet. Allerdings kann bei Hufrehepferden mit der Verabreichung von Dexamethason (Kortison) ein Reheschub ausgelöst werden. Insofern wird man in diesem Fall auf einen TRH (Thyreotropin-releasing-hormone)-Stimulationstest zurückgreifen

 

Therapie des Equinen Cushing Syndroms – allopathisch oder alternativ


Die meisten Tierärzte sind sich einig: ECS ist chronisch und nicht heilbar, weil der Tumor in der Hirnanhangsdrüse nicht behandelbar ist. Es gibt jedoch Behandlungsmöglichkeiten, welche zumindest die Symptome eindämmen und den Cushing-Patienten ein beschwerdefreies Leben ermöglichen. Dabei gilt: Je früher die Therapie begonnen wird, desto eher bilden sich die Symptome zurück.

Allerdings muss die Behandlung auch lebenslang erfolgen.

 

Die schulmedizinische Therapie

In der schulmedizinisch orientierten Therapie ist Pergolid, respektive Pergolidmesilat (Prascent® Böhringer Ingelheim) in niedriger Dosierung das erste Mittel der Wahl. Alternativ hierzu gilt Trilostan, ein Hydroxysteroid- Dehydrogenase-Inhibitor, der sich bei Hunden bewährt hat, aber bei Pferden eher selten zum Einsatz kommt. Vielfach wird berichtet, dass sich der Zustand der betroffenen Pferde bei passender Dosierung (für eine Dosisanpassung des Medikamentes wir anfänglich im 8-wöchigen Rhythmus der ACTH-Spiegel überprüft) innerhalb einiger Wochen nach Beginn der Behandlung dramatisch verbesserte. Zurückzuführen ist das auf das Pergolidmesilat, das beim erkrankten Pferd das fehlende, auf den hormonüberproduzierenden Anteil der Hirnanhangsdrüse hemmend wirkende Dopamin ersetzt. Infolge des Ersatzstoffes senkt sich die unphysiologisch hohe Konzentration der Hormone, wie ACTH, CLIP, Lipoproteine, Endorphine und MSH.

Bei all den positiven Aussichten auf eine Beschwerdefreiheit eines Cushing-Pferdes mit Pergolid darf nicht vergessen werden, dass es sich um ein Medikament handelt, das nicht nebenwirkungsfrei ist.

Insofern suchen viele Besitzer betroffener Pferde nach naturheilkundlichen Alternativen.

 

Die Homöopathie im Bezug auf ECS

Auch wenn fraglich ist, ob die alleinige Gabe homöopathischer Mittel ausreichend ist, um die Symptome des Cushing Syndroms einzudämmen, gibt es Berichte über gute Erfolge mit den Präparaten Hypophysis suis Injeel-Forte und Hypophysis suis Injeel.

Die Kur wird über drei Wochen verabreicht und meist halbjährlich wiederholt. Es handelt sich um Ampullen, deren Inhalt alle zwei Tage entweder unter die Haut oder in den Muskel des Pferdes gespritzt wird:

Hypophysis suis Injeel-Forte :

  • Tag 1/ 3/ 5/ 7 je zwei Ampullen
  • Tag 9 und 11 je eine Ampulle

Hypophysis suis Injeel

  • Tag 13/ 15/ 17/ 19/ 21 je eine Ampulle

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Cushing-Syndrom Teil2

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